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125. Gemeindebrief 2. Adventssonntag, 04.12.2022

Liebe Gemeindemitglieder,

 die hoffnungsvolle Freude, in die wir beim Entzünden der zweiten Kerze einstimmen werden, wird in diesem Jahr besonders in Frage gestellt durch die „Zeitenwende“, die in der Weltpolitik stattgefunden hat: Tödliche Aggression, brutale Zerstörung, Lüge und Hass werden zu offen propagierten Mitteln der Politik. Weiter denn je sind wir entfernt vom Frieden, von dem, der „Heil und Leben mit sich bringt“. Da erscheint ein Johannes der Täufer wie der einsame Rufer mit seinem Aufruf: „Kehrt um“.

Klaus Koltermann, Pfarrer
Conrad-Schlaun-Straße 5, 41542 Dormagen
Telefon: 02133 91591
Mail: pastor.koltermann@dormagen-nord.de

1. Lesung JES 11,1-10

Der heutige Lesungstext aus dem Jesajabuch präsentiert sich als universale Friedens- und Heilsvision, gesprochen in eine von Gewalt, Hass und Unheil geprägte Welt.

Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja
An jenem Tag
wächst aus dem Baumstumpf Isais ein Reis hervor,
ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.
Der Geist des HERRN ruht auf ihm:
der Geist der Weisheit und der Einsicht,
der Geist des Rates und der Stärke,
der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.
Und er hat sein Wohlgefallen an der Furcht des HERRN.
Er richtet nicht nach dem Augenschein
und nach dem Hörensagen entscheidet er nicht,
sondern er richtet die Geringen in Gerechtigkeit
und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist.
Er schlägt das Land mit dem Stock seines Mundes
und tötet den Frevler mit dem Hauch seiner Lippen.
Gerechtigkeit ist der Gürtel um seine Hüften
und die Treue der Gürtel um seine Lenden.
Der Wolf findet Schutz beim Lamm,
der Panther liegt beim Böcklein.
Kalb und Löwe weiden zusammen,
ein kleiner Junge leitet sie.
Kuh und Bärin nähren sich zusammen,
ihre Jungen liegen beieinander.
Der Löwe frisst Stroh wie das Rind.
Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter
und zur Höhle der Schlange streckt das Kind seine Hand aus.
Man tut nichts Böses
und begeht kein Verbrechen
auf meinem ganzen heiligen Berg;
denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des HERRN,
so wie die Wasser das Meer bedecken.
An jenem Tag wird es der Spross aus der Wurzel Isais sein,
der dasteht als Feldzeichen für die Völker;
die Nationen werden nach ihm fragen
und seine Ruhe wird herrlich sein.

2. LESUNG RÖM 15,4-9

Die Gemeinde in Rom, an die Paulus schreibt, besteht aus verschiedenen Gruppen: zum Ersten aus „Beschnittenen" und „Heiden", also Christen aus dem Judentum und aus solchen mit heidnischer Herkunft, also der römischen und anderen Religionen. Außerdem sind da „Starke" und „Schwache", Menschen, die fest im Glauben stehen und ihrem Gewissen folgen und solche, die selbst unsicher sind und sich am Vorbild der „Starken" orientieren.
Lesung aus dem Brief des Apostel Paulus
an die Gemeinde in Rom.
Schwestern und Brüder!
Denn alles, was einst geschrieben worden ist,
ist zu unserer Belehrung geschrieben,
damit wir durch Geduld und durch den Trost der Schriften
Hoffnung haben.
Der Gott der Geduld und des Trostes aber
schenke euch, eines Sinnes untereinander zu sein,
Christus Jesus gemäß,
damit ihr Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus,
einmütig und mit einem Munde preist.
Darum nehmt einander an,
wie auch Christus uns angenommen hat, zur Ehre Gottes!
Denn, das sage ich,
Christus ist um der Wahrhaftigkeit Gottes willen
Diener der Beschnittenen geworden,
um die Verheißungen an die Väter zu bestätigen;
die Heiden aber sollen Gott rühmen um seines Erbarmens willen,
wie geschrieben steht:
Darum will ich dich bekennen unter den Heiden
und deinem Namen lobsingen.

EVANGELIUM MT 3,1-12

Vor dem Auftreten Jesu steht die Predigt des Johannes. Er sieht seine Aufgabe darin, die Menschen auf das Kommen des Messias vorzubereiten und zur Umkehr zu rufen – mit durchaus drastischen Worten.
Aus dem hl. Evangelium nach Matthäus
In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf
und verkündete in der Wüste von Judäa:
Kehrt um!
Denn das Himmelreich ist nahe.
Er war es, von dem der Prophet Jesaja gesagt hat:
Stimme eines Rufers in der Wüste:
Bereitet den Weg des Herrn!
Macht gerade seine Straßen!
Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren
und einen ledernen Gürtel um seine Hüften;
Heuschrecken und wilder Honig waren seine Nahrung.
Die Leute von Jerusalem und ganz Judäa
und aus der ganzen Jordangegend
zogen zu ihm hinaus;
sie bekannten ihre Sünden
und ließen sich im Jordan von ihm taufen.
Als Johannes sah,
dass viele Pharisäer und Sadduzäer zur Taufe kamen,
sagte er zu ihnen: Ihr Schlangenbrut,
wer hat euch denn gelehrt,
dass ihr dem kommenden Zorngericht entrinnen könnt?
Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt,
und meint nicht,
ihr könntet sagen: Wir haben Abraham zum Vater.
Denn ich sage euch:
Gott kann aus diesen Steinen dem Abraham Kinder erwecken.
Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt;
jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt,
wird umgehauen und ins Feuer geworfen.
Ich taufe euch mit Wasser zur Umkehr.
Der aber, der nach mir kommt,
ist stärker als ich
und ich bin es nicht wert, ihm die Sandalen auszuziehen.
Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.
Schon hält er die Schaufel in der Hand;
und er wird seine Tenne reinigen
und den Weizen in seine Scheune sammeln;
die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen.

Gedanken zur Gestalt des Johannes...

 

Er gehört zu den festen Begleitern durch den Advent: Johannes der Täufer. Und durch all die Zeiten tritt er immer wieder neu als eine faszinierende Gestalt auf mich zu, dieser Mann in der Wüste Judäas. Nicht nur wegen seiner Kleidung und seiner kümmerlichen Ernährung, nicht nur wegen seiner anziehend-abstoßenden Askese und rauen äußeren Erscheinung. Es war und ist vor allem seine Rede und die Art seiner Predigt, die damals und heute Menschen in ihren Bann zieht. In Scharen kamen sie damals aus der ganzen Gegend, um ihn zu hören. Und das wahrscheinlich mit Zittern und Respekt und zugleich mit einem ordentlichen Maß an Faszination. Vielleicht mischte sich so ein bisschen Gänsehaut-Feeling unter die Zuhörer. Es war ein Skandal und lud gerade deswegen zum Stehenbleiben, Hinschauen und Zuhören ein und machte es unmöglich, einfach weiter- und wegzugehen.
Man kann sein Auftreten als eine Art „Höllenpredigt" alten Stils bezeichnen. Johannes nimmt wahrlich kein Blatt vor den Mund. Er droht seinen Zuhörern. Ja, er kündigt ihnen ein schreckliches Strafgericht an, wenn sie nicht umkehren. Er sagt zum damaligen Establishment, zur maßgeblichen religiösen Elite, den Pharisäern und Sadduzäern: „Ihr Schlangenbrut!" Sie sollen sich nur ja nicht darauf berufen, Abraham sei schließlich ihr Vater. Das nützt ihnen gar nichts, wenn sie nicht Früchte der Umkehr vorweisen können.
Viele von ihnen aber fühlten sich selber angesprochen. Sie erkannten, dass Johannes ihnen selbst den Spiegel vorhielt. Sie waren zur Umkehr bereit, bekannten ihre Sünden und ließen sich taufen. Buße war das bestimmende Thema des Johannes. Buße und Umkehr ist auch ein Thema, ein geistlicher Faden in der Adventszeit. Es ist eine Dimension in der Vorbereitung auf das Weihnachtsfest. Aber geht es in diesen Tagen nicht viel eher um Besinnlichkeit und Vorfreude als um Umkehr? Passen Umkehr und Vorfreude auf Weihnachten überhaupt zusammen? Und was bedeutet das eigentlich – „Kehrt um"? Mit Blick auf das Weihnachtsfest und die Vorbereitung darauf? Und mit Blick auf das Ende gehende Jahr 2022?
Wenn ich auf das Jahr schaue, dass sich bald dem Ende zuneigt, dann fällt mir vieles ein, wo ein „Kehrt um" höchst notwendig wäre. Die Corona-Pandemie hat uns immer noch – mehr oder weniger - im Griff. Der russische Angriffskrieg hat durch Europa und die ganze Welt eine Schneise der Zerstörung, Verwüstung und des Todes gezogen und bereitet vielen Menschen große Sorgen. Die Folgen des Klimawandels sind allerorten sichtbar und spürbar wie nie zuvor. Und unsere Kirche ist tief in eine existentielle Glaubwürdigkeitskrise geraten durch ein eklatantes Leitungsversagen von Bischöfen und Priestern. Hunderttausende haben unserer Kirche den Rücken gekehrt und sie verlassen.
Kein Wunder, wir sehnen uns danach, dass wir eine Änderung, eine Umkehr bewirken können. Dass es wieder so wird wie vorher. Dass wir so leben können wie vor der Pandemie. Dass unsere Welt und unser Zusammenleben so aussieht wie vor Putins schrecklichen Überfall auf die Ukraine. Dass wir mit der Schöpfung und unserem Planeten so umgehen, dass alle Menschen Lebenschancen haben. Dass unsere Kirche lebendig und heil ist und nicht krankmachend und entstellt. Wir sehnen uns, so scheint es mir, zurück; zurück in die guten alten Zeiten.
Und vielleicht trifft das ja auch unseren Anspruch und unsere Sehnsucht für die Adventszeit: Wir wollen und wünschen uns, dass Weihnachten wieder so wird wie es war: so anrührend, zauberhaft, harmonisch, friedvoll mit so viel Freude und Begegnung, mit so viel Gefühl und Rührung.
Hm, das klingt für mich sehr nachvollziehbar. Denn wir wünschen uns ja vor allem auch immer Sicherheiten. Gerade in Krisenzeit sehnen wir uns nach dem, was vertraut ist, was wir kennen und was wir scheinbar überblicken können. Also: „Kehrt um" zu dem, was war? Irgendwie zurück in die Vergangenheit? Zurück auf Los?
Hier kommt jetzt wieder Johannes der Täufer ins Spiel. Bei seinem Umkehrruf klingt das ganz anders. Er ruft nicht dazu auf, dass alle das tun sollen, was sie früher immer schon gemacht haben. Bei ihm kommt etwas ganz Neues in den Blick. Johannes ruft: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe."
Johannes lenkt stattdessen den Blick radikal nach vorne. Bei ihm ist Umkehr nicht ein „Zurück", kein „Zurücksetzen", sondern seine Umkehr ist der Beginn von etwas völlig Neuen: das nahe Königtum der Himmel, das anbrechende Himmelreich, wie er es nennt.
Dafür lohnt sich jede Anstrengung. Dafür gilt es, die Wege zu bereiten und die Straßen zu ebnen. Dafür gilt es, Früchte der Umkehr zu bringen. Aber was bedeutet denn hier „Himmelreich"? Um dies in Ansätzen begreifen zu können, müssen wir an dieser Stelle einen Sprung nach vorne machen und schon jetzt auf das schauen, was wir Weihnachten feiern werden: die Geburt des Jesus von Nazaret, den wir den Christus, den Gesalbten, den Messias nennen.
Gott wird Mensch. Jesus, sein Sohn, offenbart in seinen Worten und Taten Gottes Wille und Gottes Liebe zu uns. Gott bezieht in seinem Sohn gleichsam Stellung. Und der Sohn nimmt Gottes Stelle in der Welt, in der Gesellschaft, in der Geschichte ein.
Gott geht an den Rand - draußen vor der Stadt, in einem Stall wird er geboren. Er durchbricht alle gesellschaftlichen Konventionen. Er wird geboren von einer unverheirateten, jungen Frau - seine Herkunft ist höchst zweifelhaft. Er konterkariert unser Denken und unsere Vorstellungen: Er, der ewige Gott, offenbart sich in einem kleinen, ohnmächtigen Kind.
So ließe sich diese Betrachtung noch fortführen, um dem auf die Spur zu kommen, was Johannes der Täufer mit dem nahen „Himmelreich" meint. Mit dem Ruf zur Umkehr des Johannes steht am Ende des Kalenderjahres und am Anfang des Advents der Aufruf, nach vorne zu schauen. Die Umkehr setzt voraus, dass wir innerlich eine Option treffen, dass wir uns entscheiden - und zwar für die Hoffnung - für eine Bewegung nach vorne!

Umkehr im Sinne des Täufers ist nicht ein „Zurück", sondern ein „Nach vorne". In der Haltung der Hoffnung auf den zuzugehen, der kommen wird und der immer schon da ist: Jesus Christus, der Sohn Gottes, mit dem das Reich der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens in unsere Geschichte hereingebrochen ist und sich immer wieder aufs Neue ereignet.

Fürbitten

Sonntag, 4. Dezember 2022 Zweiter Advents-Sonntag

Einleitung:
Johannes ruft die Menschen seiner Zeit zur Umkehr auf;
wie er bereiten auch wir uns auf die Ankunft Jesu Christi in unserer Welt vor.
In unserem Bemühen umzukehren
vertrauen wir Gott die Menschen an, die unsere und Gottes Hilfe brauchen:

Bitten:

1. Wir beten für die Menschen in China,
die für Freiheit und Selbstbestimmung demonstrieren;
für die Frauen und Männer im Iran,
deren öffentlicher Protest gegen Menschenrechts-Verletzungen mit Gewalt zerschlagen wird;
und für alle, die sich weltweit für die Rechte der Schwachen stark machen.
- kurze Stille - V: Du Gott des Trostes und der Hoffnung A: Wir bitten dich, erhöre uns.

2. Für die Menschen in der Ukraine,
die täglich um ihr Leben fürchten müssen;
für alle, die wegen der zerstörten Strom- und Gasversorgung hungern und frieren müssen;
und für alle, die Wärme-Orte mit Heizung, Strom und Lebensmitteln bereitstellen.
- kurze Stille - V: Du Gott des Trostes und der Hoffnung A: Wir bitten dich, erhöre uns.

3. Wir beten für Familien in unserem Land,
deren Kinder schwer erkrankt und auf ärztliche Versorgung angewiesen sind;
für die Pflegekräfte in überlasteten Kinderkliniken,
die ihren Dienst an den Kleinsten und Schwächsten leisten.
- kurze Stille - V: Du Gott des Trostes und der Hoffnung A: Wir bitten dich, erhöre uns.

4. Wir beten für die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft,
die sich um den weltweit wachsenden Bedarf an humanitärer Hilfe sorgen;
für alle Menschen, die in Vereinen und Nachbarschaften, mit Initiativen und Kirchen
den Bedürftigen zur Seite stehen.
- kurze Stille - V: Du Gott des Trostes und der Hoffnung A: Wir bitten dich, erhöre uns.

5. Für alle, die sich für die Bewahrung der Wälder und der ganzen Schöpfung einsetzen,
weltweit und in der eigenen Umgebung -
gerade auch jetzt, da die Versorgungslage so schwierig ist.
- kurze Stille - V: Du Gott des Trostes und der Hoffnung A: Wir bitten dich, erhöre uns.

6. Wir beten für die Menschen,
die nach dem Vorbild Jesu Trost und Hoffnung in unsere Zeit tragen;
für alle, die die Adventszeit für sich und andere mit Licht und Frieden gestalten.
- kurze Stille - V: Du Gott des Trostes und der Hoffnung A: Wir bitten dich, erhöre uns.

Abschluss-Gebet:

 

Guter Gott, wir erwarten die Ankunft deines Sohnes
als Retter und Friedensfürst.
Die Hoffnung auf dein Wort und deinen Geist stärkt uns,
aufeinander zuzugehen und Frieden zu stiften -
hier und jetzt und bis in dein Reich. Amen

Quelle Bistum Trier

02.12.2022

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